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Die Verflüchtigungsgeschichte des bleiernen Schleiers der Ungewissheit

– Ein Zwiegespräch mit den Vielfältigkeiten in mir –

Im folgenden Beitrag versuche ich den emotionalen Corona – Vielfältigkeiten in mir nachzuspüren. Er ist gleichsam als eine Suchbewegung zu verstehen, und als Ausdrucksform einen eigenen Umgang mit der Situation zu finden. Im besten Fall kann er vielleicht dem einen oder anderen Lesenden Denkimpulse für die eigene Aufmerksamkeitsfokussierung geben.

Heute ist Deutschland oder soll ich besser sagen die Welt, schon mehr als drei Wochen heruntergefahren. Stillstand. Kaum emotional zu fassen.

Mir kommt es vor, als ob ein bleierner Schleier der Ungewissheit über uns liegt, über mir liegt. Und damit meine ich eben ein Gefühl das für mich nicht richtig zu erfühlen ist. Wie auch? Habe ich ein solches Gefühl schon einmal gefühlt? Wohl eher nein. Unsichtbar und doch sichtbar omnipräsent dieses Virus und all die damit verbundenen kleine und großen Auswirkungen.

Im Landkreis Marburg – Biedenkopf

Da erscheint es fast paradox, dass in unserem Landkreis – Stand 8. April 2020 – 163 Menschen mit dem Corona Virus infiziert sind. Das sind natürlich 163 Menschen zu viel. Doch im Verhältnis zu knapp 250.000 Einwohner verschwindend gering. Hier der Link zu den Coronazahlen in Hessen.

Hygieneregel- und Abstandshalteprofis

Die Menschen um mich herum halten Abstand, noch unsicher darüber wie weit die Entfernung genau sein muss und immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen sozial unklar ist, wie gelingt es den Abstand einzuhalten. Zum Beispiel nachmittags beim Spazierengehen – was jetzt alle machen so häufig wie bisher wahrscheinlich noch nie – auf einem schmalen Waldweg, wo die Übung fehlt. Doch von Mal zu Mal geht es besser und manchmal gehen wir einfach zwei Schritte vom Weg ab, damit die zwei Meter eingehalten werden können. Und auch das immer wiederkehrende Händewaschen – die Länge durch das innerlich gesprochene Vater Unser garantiert – wird jeden Tag mehr und mehr zur Routine. Da wird in kurzer Zeit eine ganze Gesellschaft zu Hygieneregel und zu Abstandhalteprofis. Doch diese Aspekte liegen eher auf der Ebene von Verhaltensweisen und sind damit plastisch, lernbar, einübbar und dazu noch verbunden mit dem Schutzaspekt von anderen und sich selbst in Anbetracht der Lebensbedrohung. Da sind wir vielleicht sogar fast froh etwas Konkretes tun zu können. Es wirkt wie ein Anker, an dem ich mich festhalten kann.

Wer weiß wirklich was richtig ist?

Kein Wunder das wir auf der Suche nach Halt, Orientierung und Verstehen sind. Überschlagen sich doch alle Formen der Berichterstattung mit immer neuesten Hinweisen und Erkenntnissen. Teilweise täglich sich verändernd und sogar divergierend. Wer soll da noch klarkommen? Wer soll da noch wissen wo’s lang geht? Selbst die Experten sind unterschiedlicher Meinung. Wer weiß es wirklich richtig? Und wer kann all die getroffenen Maßnahmen in ihrer Komplexität wirklich und seriös vorhersehen bzw. die Folgewirkungen einschätzen. Und was ist in dieser globalen vernetzten in permanenter Wechselwirkung stehenden Welt überhaupt vorhersehbar? Vieles wird bzw. ist zudem noch vollkommen irrational, denken wir nur im Kleinen an die Klopapier- und Hefehamsterkäufe.

Sehnsucht nach Halt

Und ist dabei unsere Sehnsucht nach den starken Männer und Frauen, nach tatkräftigen Entscheidern nicht verständlich. Sind wir nicht froh darüber, dass es jetzt Menschen gibt die uns sagen wo es lang geht und die wir dann auch bereitwillig mit allem ausstatten, was an Macht notwendig ist, um handeln zu können.

Und gleichzeitig meldet sich unsere innere Stimme der Selbstbestimmung verbunden mit dem unbändigen Wunsch nach Individualität und Autonomie. Sie rebelliert – im Moment noch gleichsam leise – doch schon in Erwartung vielleicht lauter und deutlicher zu werden.

Ambivalenzen, sogar Multivalenzen bestimmen gerade unseren Alltag wahrscheinlich mehr denn je, zumindest kommt es mir so vor. Und ich weiß tatsächlich nur eins ganz sicher: Das eben nichts sicher ist.

Und da ist er wieder der bleierne Schleier. Unsichtbar, nicht begreifbar, zu komplex eben.

Eine ganz neue Erfahrung

Wahrscheinlich verstärkt sich diese Gefühlslage in mir und uns noch dadurch, dass meine Generation (ich werde 58) und auch die Generation unserer Kinder solch eine Verunsicherung, solch eine Krise bisher noch nicht erlebt hat. Es ging immer nur bergauf. Bisher erschien alles machbar, hat es immer einen Weg für Lösungen gegeben. Und wenn es mal keine Lösung gab, da war das Geschehen weit weg von uns, in Syrien oder an der türkischen – griechischen Grenze. Doch jetzt ist es ganz nah und wir könnten jeden Tag selbst betroffen sein oder wir kennen vielleicht schon jemanden der infiziert war.

Deshalb machen wir gerade eine ganz neue Erfahrung, versuchen uns mit unseren Gefühlen darauf einzustimmen, uns einzufühlen und Umgänge damit zu finden. Mir begegnen sowohl bei mir selbst, als auch im Austausch mit Freund:innen und Kolleg:innen unterschiedliche Gefühlsfacetten, die sich auf einer Skala von „eher depressiv verstimmt“, über „traurig und betroffen“ bis hinzu „die positiven Chancen sehen und ergreifen“, erstrecken. Unsere Gefühlslage ist eben wie in einer Krise ständig wechselnd. Der Wechsel oft ausgelöst nur durch eine kleine fast unbedeutende Abweichung. Durch die Dünnhäutigkeit, durch die Angespanntheit reicht manchmal schon ein Blick oder wieder eine eher verunsichernde Nachricht aus den Medien und schon beginnt die Achterbahnfahrt von vorne, fast unwillkürlich.

Verflüchtigungsgeschichte.

Welchen Aufmerksamkeitsfocus will ich wählen?

Vielleicht ist etwas deutlicher geworden, dass was wir gerade möglicherweise als Krise erleben, nicht alleine ein Ergebnis von Außenreizen ist, sondern vor allem auch das Resultat eines ebenfalls selbsterzeugten inneren Prozesses, eben ein Zwiegespräch mit den inneren Vielfältigkeiten. Insofern kann es sinnvoll sein, sich eben nicht auf die schwer veränderbaren Außenfaktoren zu fokussieren, sondern auf die „Eigenproduktion“ des Krisenerlebens, um so die eigenen Lösungskompetenzen zu aktivieren.

Beschreibung und Benennung des Phänomens

Dabei beginnt diese meine Fokussierung an der Beschreibung und Benennung des Phänomens:

Ein bleierner Schleier der Ungewissheit verbunden mit einer Vielzahl diffuser und ambivalenter bis multivalenter Gefühle. Nicht gerade hilfreich.

Doch die schreibende Exploration eröffnet in mir einen inneren Wiederbelebungsprozess meiner Gestaltungsfähigkeit – Verflüchtigungsschreiben. Ich eröffne mir sozusagen einen differenzierten Blick auf die Anteile in mir. So kann ich eben auch in meiner Fokussierung die positiven Aspekte wahrnehmen.

Z.B. das unsere erwachsenden, studierenden Kinder schon seit vier Wochen bei uns sind und wir gemeinsam intensiv Familie leben. Da ergeben sich viele vitalisierende Resonanzerlebnisse und intensive Begegnungen. Wir durchleben gemeinsam diese Zeit und profitieren wechselseitig von unseren Strategien mit den Herausforderungen umzugehen. Und ich bekomme Rückmeldungen, wenn ich mal wieder dünnhäutiger und damit ungehaltener daher komme.

Hoffnung geben, Ziele setzen und Bedürfnisse beachten

So geben wir uns gegenseitig Hoffnung, eröffnen uns wechselseitig neue Perspektiven auf die Entwicklungen zu schauen bzw. darauf zu reagieren. Und jetzt wo wir Eltern Urlaub haben nehmen wir uns mit den Kindern kleine Ziele vor und etablieren dazu Rituale. Z.B. der tägliche gemeinsame Spaziergang oder das wir gemeinsam innen und außen an unserem Haus Einrichtung neu gestalten. Wir schaffen etwas gemeinsam von der Idee über die Entwicklung bis hin zur Umsetzung. Ein schöner Prozess, der dazu auch noch die Selbstwirksamkeitsbedürfnisse in uns aufgreift und ihnen Nahrung gibt.

Die Balance zwischen den jeweiligen Resonanz- bzw. Rückzugsbedürfnissen gelingt uns gut, getragen durch die Haltung gemeinsam den Fokus verändern zu wollen. Wir fragen uns häufiger: Welche Chancen sind für uns durch diese Krise entstanden. Coronachancenzeit und eben nicht Coronakrisenzeit.

Solidarität als Loyalitätsleistung

Und was ich ganz unabhängig von unserem kleinen Mikrokosmos Familien wahrnehme, ist das sich unendlich viele gesellschaftliche Loyalitätsleistungen von Menschen etablieren, ohne das es dazu eine Aufforderung oder einen Appell bedarf. So engagieren sich z.B. Marburger auf vielfältige Weise. Es wurde eine Internetseite www.marburg-liebe.de vom Stadtmarketing Marburg e.V. ins Leben gerufen. Dort können Menschen Gutscheine kaufen, um sie einzulösen, wenn die Geschäfte wieder geöffnet sind. Weit über 100000,00 € sind schon zusammengekommen. Und so gibt es bundesweit vielfältige Initiativen, Ideen und Unterstützungsleistungen. Ein Solidaritätsruck geht durch unsere Gesellschaft, ähnlich wie damals bei den Überschwemmungen im Osten.

So wünsche ich uns allen, dass sich durch die gestalterische Kompetenz mit der eigenen Aufmerksamkeitsfokussierung spielerisch umzugehen, neue Perspektiven eröffnen, die wir hoffentlich auch mit in die Neue Welt nehmen.

Zwei Zitate zum Nachsinnen:

„Es ist wie es ist“ (Eckardt Holle)

 „Kein Mensch ist unveränderlich noch ist er eins, sondern wir werden zur Vielfalt geboren. Eins ist nur die trügerische Gestalt und gemeinsam nur die äußere Prägung, in der der Stoff sich immer neu umtreibt und wieder entschlüpft. … Ein jeder von uns kann wegen der tausenderlei durch die Leidenschaften entstehenden Vielfältigkeiten als gemischter Menschenhaufen, wie er bei Festen zusammenkommt, betrachtet werden.“ (Plutarch, griechischer Schriftstelle 45-125 n.Chr.)