Haben Sie sich schon mal gefragt, wer in Ihrer unmittelbaren Umgebung ein Optimist ist? Oder können Sie spontan drei Promis benennen, die Sie als Optimisten einschätzen? Welcher Ihrer Chefs war oder ist für Sie ein Optimist? Würden Sie sich selbst als Optimist bezeichnen?

Wahrlich eine Optimistin!

Eine Freundin von mir würde ich als unerschöpfliche Optimistin bezeichnen. Sie ist immer gut drauf, hat immer ein freundliches und zugewandtes Wort auf den Lippen, meistens ein Lachen in ihrem Gesicht, auch wenn sie gerade nicht im Fokus steht. Immer mit liebevoller Ansprache ihres Sohnes, auch wenn es gerade hoch hergeht. Selbst dem größten Sturm weiß sie noch etwas Gutes abzugewinnen und eine berufliche Niederlage begreift sie noch als Chance für Veränderung. Wahrlich eine Optimistin!

Wozu ist Optimismus gut?

Wie macht sie das bloß und was unterscheidet sie von anderen Menschen? Ist sie glücklicher und zufriedener mit ihrem Leben? Hat sie mehr Selbstwert als andere Frauen und spürt sie mehr Selbstwirksamkeit als Kolleginnen in ihrer Umgebung? Und wie sind die Auswirkungen auf sie und ihre Umgebung? Und wozu ist Optimismus gut? Was ist der Sinn von Optimismus?

Wissenschaftsmagazine wie ‚GEO‘ oder ‚Geist und Gehirn‘ haben in den letzten Jahren viele Veröffentlichungen dazu publiziert. Auch wenn längst noch nicht alles in diesem Kontext er- forscht ist, zeichnet sich eine eindeutige Tendenz ab. Die Kraft der guten Gefühle ist nachweisbar.

Optimismus und Positive Psychologie

Dabei muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass die Optimismusforschung aktuell nicht die einzige Einflugschneise in das Thema ist. Die Positive Psychologie ist in aller Munde. Dazu kommt die Glücks – und Zufriedenheitsforschung und nicht zuletzt die Neurobiologie, die dazu beiträgt, auch die Vorgänge im Gehirn mit den dazugehörigen biochemischen Vorgängen zu erforschen. Nicht zu vergessen die Medizin, die daran interessiert ist, wie Gesundung durch psychische Vorgänge positiv beeinflusst werden kann. Doch was sind die Aspekte, die den Unterschied machen? Und wie lassen sich diese Aspekte  gut entwickeln und in einen von Optimismus geprägten Führungsstil integrieren?

Selbstwirksamkeitserwartung

Unter Selbstwirksamkeitserwartung verstehen Wissenschaftler wie Schwarzer & Jerusalem die innere Überzeugung, selbst etwas bewirken zu können. Typische Sätze von Menschen mit dieser Überzeugung sind: „Ich erreiche mein Ziel“, „Ich schaffe das“ oder „Ich löse das jetzt aus meinen eigenen Fähigkeiten heraus“. Aus dieser Haltung entsteht Energie und das Gefühl der Unabhängigkeit. Die bewusste Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten ist bei Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung besonders ausgeprägt.

Woraus besteht der Stoff, aus dem der Optimismus ist?

Nach Durchsicht verschiedener Veröffentlichungen zum Thema kristallisieren sich folgende ‚Schlüssel zum Optimismus‘ als besonders wirksam heraus:

• Eigeninitiative

• Selbstwirksamkeitserwartung • Zufriedenheit

• Ressourcenorientierung

• Beziehungen

• Sinn

Eigeninitiative meint hierbei, dass ich aus mir selbst heraus aktiv werde, dass ich, in die Zukunft antizipierend, proaktiv handele, dass ich mit Widerstand rechne und damit umgehe und dass ich die Einstellung habe, mit meinem Handeln auch Veränderungen zu bewirken. Hier wird deutlich, dass sich in der Eigeninitiative auch Aspekte von Selbstverantwortung und Selbstwirk- samkeitserwartung wiederfinden.

Erleben von Selbstwirksamkeit

Die Psychologin Schütz von der TU Chemnitz fand heraus, dass es zwischen dem Erleben von Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit einen unmittelbaren Zusammenhang gibt. Je selbstwirksamer ich mich erlebe, desto zufriedener bin ich mit mir und meinem Leben. Die Schere zwischen Selbst – und Idealbild ist gering. Wir sind dann zufrieden, wenn wir unseren eigenen Weg gehen können, wenn wir zu den getroffenen Entscheidungen stehen können. Zufriedenheit stellt sich auch dann ein, wenn ich mit meinen Werten im Einklang leben kann, wenn sie beruflich und privat kongruent sind.

Insoo Kim Berg und Steve de Shazer

Wer die Fähigkeit besitzt, die eigenen Ressourcen in den Fokus seiner Aufmerksamkeit zu stellen, verfügt über eine Quelle der Stärkenorientierung. Kim Berg und de Shazer haben auf dem Hintergrund der Lösungs – und Ressourcenorientierung eigenständigen Therapieansatz entwickelt. Auch Seligman hat Ende der 90er Jahre in der Stärkenorientierung eine entschei- dende Säule für die Positive Psychologie gesehen.

Gerald Hüther

Der Wissenschaftsjournalist Bartens schreibt: „Wer sich jeden Tag missmutig ein paar Löffel kalt gepresstes Olivenöl einflößt, der wird davon keinen gesundheitlichen Nutzen haben“. Sinnvoller sei da ein Schweinebraten mit guten Freunden. Auch der Hirnforscher Hüther geht davon aus, dass ein gutes soziales Netzwerk erheblich zur Stabilisierung in schwierigen Zeiten beiträgt. Dabei wirken vor allem direkte Begegnungen und gemeinsame Erlebnisse. Sie sind dem Optimismus förderlich und tragen durch die Zugehörigkeitserfahrungen deutlich zu einem stabilen Selbstwert bei.

Viktor Frankl

Frankl schrieb 1946: „Sinn ist der eigentliche und tiefste Beweggrund eines Menschen, zu handeln“ und dabei geht es nicht vordergründig um Zufrie- denheit oder Glück, sondern vielmehr um Sinnverwirklichung. Menschen, die sich über ihre tiefsten Beweggründe, über ihren Sinn im Klaren sind, erleben sich wiederum als eigeninitiativ, selbst- wirksam und zufrieden.

Wie lassen sich die beschriebenen Faktoren in einen von Optimismus geprägten Führungsstil übertragen? Eine aktuelle Studie zu ‚Eigenverantwortung, Selbstwirksamkeit und Freiwilliges Arbeitsengagement‘ [ausführlich in Wirtschaftspsychologie 01/2012] unter der Leitung von Professor Bierhoff an der Ruhr – Universität Bochum, zeigt, dass es wichtig ist, die Mitarbeitenden in dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten zu bestärken. Die Folge dieser Bestärkung ist mehr Engagement bei der Arbeit. Dieses freiwillige Arbeitsengagement wiederum ist „für das Wohlbefinden der engagierten Mitarbeiter selbst förderlich“, schreiben die Autoren. Hier zeigt sich der direkte Zusammenhang mit dem oben beschriebenen Zufriedenheitsfaktor, Ressourcenorientierung, Beziehungen und Sinn zu entwickeln?

Eigenverantwortung und Partizipation

Ein Klima der Eigenverantwortung und Partizipation, ein Einsatz gemäß individueller Stärken und Talente, vermeidet Demotivation und fördert Freude durch Sinn. Sind Sie als Führungskraft in der Lage, eigene Stärken und die Ihrer Mitarbeiter in den Blick zu nehmen? Sind Sie fokussiert auf Lösungen oder Probleme? Fällt es Ihnen leichter, Fehler zu identifizieren und Ihre Aufmerksamkeit auf Mängel zu lenken als auf eine Balance zwischen der Würdigung des Er- reichten und dem Drang nach Verbesserung? Und sind Sie fähig, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass Sie, Ihre Mitarbeitenden und Ihr Unternehmen Teile eines größeren Ganzen sind und somit jeder Arbeitsschritt eine Bedeutung für den Gesamtprozess hat? Oder setzen Sie nur die rosarote Brille auf und gehören zu den übersteigerten Optimisten, die sich jeden Tag zu viel auf ihre Zieleliste schreiben und abends dann doch die eigene Selbstüberschätzung und Selbstverliebtheit nicht wahrhaben wollen?

Was sind Ihre Fragen…

Und? Zu welchem Schluss kommen Sie ganz für sich? Sind Sie ein opti- mistischer Mensch, eine optimistische Führungsperson? Haben Sie Freude an Führung? Sind Sie bereit, ein Führungskonzept geprägt von Eigeninitiative, Selbstwirksamkeit, Zufriedenheit, Ressourcenorientierung, Beziheungen und Sinn zu entwickeln?