Coachingpraxis Mittelhessen – Teil 2

Heute lesen Sie die Fortsetzung des Magazinbeitrags Coachingpraxis in Hessen“. Diesmal mit dem Keyword „Coachingpraxis Mittelhessen“. Zur Erinnerung für alle die den ersten Teil nicht lesen konnten hier noch einmal das Briefing:

Coachingpraxis Mittelhessen – Ausgangslage:

Frau Sollist (Name geändert) arbeitet seit einem Jahr als Controllerin (Stabsstelle) in einem mittelständischen süddeutschen Unternehmen in der Dienstleistungsbranche mit ca. 350 Mitarbeitenden. Sie ist die Frau des Geschäftsführers. Coachingerfahrungen liegen nicht vor. Das Anliegen für den Coachingprozess entsteht aus einer Krise. Frau Sollist fühlt sich in ihrer Rolle als Controllerin nicht ernst genommen und sieht sich mit massiven Ausgrenzungen vor allem durch den Stellvertreter ihres Mannes konfrontiert. Außerdem will sie ihre Rolle als mitarbeitende Ehefrau reflektieren.

Sie ist 38 Jahre alt, verheiratet und hat 2 Kinder im Alter von 12 und 14 Jahren. Sie ist Skandinavierin und vor 12 Jahren nach Deutschland übergesiedelt. Ihren Mann hat sie in Skandinavien kennen gelernt. Er ist Deutscher.

Frau Sollist hat Betriebswirtschaft studiert und eine Zusatzausbildung als Controllerin vor einem Jahr abgeschlossen. Sie bringt viele Jahre Branchenerfahrung in unterschiedlichen Funktionen mit.

Nach einem Vorgespräch vereinbaren einen ersten Coachingtermin und verabreden drei Termine a 2 Stunden.

Coachingpraxis Mittelhessen – die zweite Sitzung:

Wieder ist Frau Sollist vorbereitet. Sie berichtet mir davon, dass dieses Thema sie seit ihrer Kindheit beschäftigt. Dabei bezieht sie sich konkret auf ihre Landkarte der Affekte. Sie spricht davon, dass in ihrem Leben vor allem zwei Männer ihr wiederholt die Anerkennung versagen. Da ist zum einen ihr Vater, der nach einem bestandenen Prädikatsexamen nur sagte: „Was anderes habe ich auch nicht erwartet.“ Und das ist zum anderen ihr Ehemann, dem es schwer fällt ihre Leistungen bei der Arbeit anzuerkennen. Während Frau Sollist davon erzählt steigen ihr die Tränen in die Augen. Wie schon im letzten Beitrag sind meine Kommentare zum Coaching kursiv gehalten.

Ich lasse ihr an dieser Stelle bewusst Zeit ihre Traurigkeit zu spüren. Keine Interventionen, keine Frage wofür ihre Tränen stehen, welchen Namen sie ihnen geben würde, was das Gefühl hinter ihren Tränen ist…

Coaching bedeutet sich zurückzunehmen und dem Klienten Raum zu geben. Raum um sich selbst wahrzunehmen und in Kontakt mit den eigenen Empfindungen zu kommen. Dadurch unterstütze ich Frau Sollist ihrem eigenen Lerntempo und ihren Lerninhalten zu folgen.

Im Lehrcoaching begegnen mir wiederholt angehende Coaches, die in diesen Situationen aufgrund ihrer eigenen Verunsicherung schnell mit Interventionen sind. Dies führt häufig dazu, dass sie den Klienten weg von seinen Gefühlen und Themen bringen.

Coachingpraxis Mittelhessen – im Kontakt mit Traurigkeit

Ich freue mich, dass sich Frau Sollist darauf einlässt. Es vergehen mehrere Minuten. Traurigkeit. Trauer um die nicht erhaltene Anerkennung, darum nicht gesehen zu werden. Trauer darum nicht genau zu wissen, was sie wert ist.

Frau Sollist sagt diese Sätze im weiteren Verlauf in ähnlicher Form.

Coachingpraxis MittelhessenUnd dann fängt sie an zu erzählen: Seit sie aus Skandinavien weggegangen ist, hat das Thema der Anerkennung besondere Brisanz bekommen. Es ging einher mit dem Verlust einer gefestigten Identität. „Das ist wie als ob man den Boden unter den Füßen verliert.“

Ich bitte sie darum den Satz umzuformulieren. „Frau Sollist sagen Sie: Das ist als ob ich den Boden unter den Füßen verliere.“ Als sie den Satz in diesen Worten wiederholt wird sie plötzlich richtig wütend.

„Die wissen doch alle nicht was es bedeutet seine Heimat, seine Identität aufzugeben und sich auf eine ungewisse Zukunft einzulassen. Mein Mann hat das auch nie richtig gewürdigt. Und jetzt lässt er mich auch wieder im Regen stehen und unterstützt mich nicht wirklich dabei meine Identität als Controllerin zu finden. Geschweige denn, dass er meine Leistung und meine Bemühungen darum anerkennt. Oft ist es so, dass er mich sogar noch in meinem Handeln kritisiert und von mir verlangt, nicht so sensibel auf die Attacken seines Stellvertreters zu reagieren.“

Coachingpraxis Mittelhessen – Im Kontakt mit der Wut

„Frau Sollist, welches Gefühl bekomme ich denn da gerade zu spüren?“ „Ich bin wütend, ja ich bin wütend.“

Immer bin ich als Coach gefragt zu entscheiden,  welche Äußerung bzw. Themen des Klienten ich im weiteren Prozess aufgreife. Oft ist es nicht angebracht lange zu fragen an welcher Stelle mein Gegenüber jetzt weiter arbeiten will, da ihn die Klärung dieser Frage von den entscheidenden Gefühlen ablenkt. Zu Beginn meiner Tätigkeit als Supervisor und Coach wäre es durchaus denkbar gewesen, den Aspekt des Stellvertreters aufzugreifen und mich damit von den Emotionen von Frau Sollist zu entfernen.

Gerade in einem ermöglichenden Setting spielen Emotionen eine entscheidende Rolle. Das Gewahr werden der eigenen Emotionen sind der Motor für nachhaltige Veränderung. Mir hilft es im Coaching meine Kunden dazu zu ermutigen, ihre eigene Emotionalität auf die vier Grundgefühle aus der Landkarte der Affekte zu komprimieren, um sie deutlicher und intensiver zu spüren. Zum einen gelingt damit eine bessere und eindeutiger Unterscheidung und zum anderen lässt sich in der Folge daran arbeiten, wozu das jeweilige Gefühl nützlich ist. Damit fördere ich eine positive Bewertung der ansonsten oft negativ konnotierten Gefühle.

Durch die positive Konnotation lenke ich die Aufmerksamkeit meines Gegenübers in eine bestimmte Richtung und durch die folgende Frage steuere ich selbstverständlich gezielt dorthin. Doch diese tue ich aus einer Haltung heraus in der der Klientin deutlich ist, dass sie immer die Entscheidungsfreiheit hat meinen Interventionen zu folgen oder nicht.

Coaching Mittelhessen – die Wut als Kraftquelle entdecken…

„Spüren sie die Energie Ihrer Wut? Was glauben Sie wozu ist Ihre Wut gut?“

Sie stellt fest, dass sie ihre Wut in Gang bringt. Sie gibt ihr Energie. Energie, das auszudrücken, was sie schon so lange ihrem Mann mitteilen möchte. Ihr wird klar, was sie von ihrem Mann braucht. Damit sie ihre Rolle und Funktion als Controllerin ausführen kann, muss er sie auch als solche ansprechen. Sie will nicht mehr nur als Ehefrau gesehen werden. Sie ist Controllerin und hat damit einen besonderen Stellenwert im Unternehmen. „Ich brauche die klare und eindeutige Unterstützung durch meinen Mann.“ Dazu gehört für sie auch eine Stellenbeschreibung.

Coachingpraxis Mittelhessen – Konkrete Schritte zur Veränderung einleiten…

Ich frage sie danach, was denn jetzt die nötigen Schritte sind ihre Situation im Unternehmen zu verbessern. Schnell hat sie ihre Gedanken in eine Struktur gebracht und benennt folgende Aktionen:

  1. Vereinbarung eines Gesprächstermins mit ihrem Mann im Unternehmen, um ihm die Erkenntnisse aus dem Coaching mitzuteilen
  2. Probleme die bei der Arbeit entstehen auch bei der Arbeit und nicht zuhause lösen
  3. Erarbeitung einer Stellenbeschreibung für sie als Controllerin
  4. Konfrontation ihres Mannes unter vier Augen im Unternehmen, wenn er sich durch sein Handeln über Verabredungen aus dem Controlling hinwegsetzt
  5. Ein klärendes Gespräch mit seinem Stellvertreter

Coachingpraxis Mittelhessen – ein Resümee am Ende der Sitzung…

Gegen Ende der Sitzung frage ich Frau Sollist: „Was nehmen Sie aus dieser Sitzung konkret mit?“ Besonders froh ist Frau Sollist, dass sie in Kontakt mit ihrer Wut gekommen ist. Das hat sie nicht für möglich gehalten. Sie spürt ihre Wut ist zu etwas gut, sie führt zu Veränderung, macht ihre Grenzen deutlich und hat nichts mit einem unreflektierten „Losbrüllen“ gemeinsam. Als sie sich zur Vorbereitung der Coachingsitzung mit dem Thema „Anerkennung“ beschäftigt hat, ist sie nicht im Traum darauf gekommen, dass sie ihren wütenden Anteilen begegnet.

Frau Sollist ist mit dem Verlauf zufrieden und dennoch hat sie den Eindruck, dass das Thema Anerkennung nicht abschließend bearbeitet ist.

Ich frage sie, was jetzt ein guter Schritt wäre, um sich mit dem Thema Anerkennung noch intensiver zu befassen. Nach einiger Überlegung erkundigt sie sich, ob ich nicht einen Text zu diesem Thema habe. Ich biete ihr eine Zusammenfassung aus einer meiner Fortbildungen an. Sie möchte ihn gerne lesen und ihn als Anregung für die weitere Arbeit nutzen.

Zum Schluss merkt sie noch an, trotz ihrer energetischen Verfassung spürt sie auch, dass sie sich ganz schön viel vorgenommen hat und sie noch nicht weiß, ob sie das alles so schafft.

Beim nächsten Mal lesen Sie über die Dritte Sitzung. Der Beitrag erscheint am 02.06.2018.

Wünschen Sie in der Zwischenzeit ein Vorgespräch für ein Coaching, können Sie hier Kontakt aufnehmen!

 

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