Kennen Sie das auch – da gibt es Situationen und Erlebnisse, da gehen Sie hoch wie ein Vulkan – unvorhergesehen und nicht zu beeinflussen. Was ist passiert? Da wird gerade ihr tiefstes Gerechtigkeitsempfinden angegriffen, direkt, frontal und auf keinen Fall hinnehmbar. Da müssen Sie einfach explodieren. Da haben Sie gar keine Wahl, schließlich geht es um die Gerechtigkeit und allein der Kampf für die Gerechtigkeit rechtfertigt doch alles – oder?

Gerechtigkeitsempfinden ist angeboren…

Wieso ist das so, dass wir bei unserem Gerechtigkeitsempfinden so derart gepackt werden, dass wir uns fast darin verbeißen? Ich kann mir nur vorstellen, dass wir im Innersten getroffen werden, dass Bahnen im Gehirn aktiviert werden, die mit tiefen Erlebnissen verbunden sind.

Auf der Internetseite des PM Magazins wurde unlängst auf eine Forschungsarbeit von amerikanischen und irischen Psychologen hingewiesen, die von einem offensichtlich angeborenen Gerechtigkeitsempfinden ausgehen. In den Untersuchungen konnte diese Empfindung im Gehirn durch bildgebende Verfahren erstmals sichtbar gemacht werden.

Gerechtigkeitsempfinden ist gelernt…

Und DIE ZEIT (2007) fragt Prof. Dr. Hans Werner Bierhoff (Ruhr Universität, Lehrstuhl Sozialpsychologie):

„Ist unser Gerechtigkeitsempfinden angeboren oder erlernt?“. Professor Bierhoff antwortet: „Was wir als gerecht oder ungerecht wahrnehmen, hängt von gesellschaftlichen Werten ab, ist also erlernt. Aber das Bedürfnis, Gerechtigkeit herzustellen, steckt in unseren Genen. Das gilt sogar für einige Affenarten: Wenn sie bei der Verteilung von Futter eine kleinere Portion bekommen als andere oder weniger schmackhafte Nahrung, weigern sie sich unter Umständen, ihre Ration zu essen.“

So entfalten sowohl gelernte als auch angeborene Grundlagen ihre Wirkung, wenn es um das Thema Gerechtigkeit geht.

Coaching und Gerechtigkeit…ein kleines Beispiel

Neulich wurde einer meiner Coachingklienten auch zum Vulkan, als er erfuhr, dass Kollegen in der gleichen Funktion und dem gleichen Verantwortungsbereich mehr verdienen als er. „Das ist ungerecht“ war sein erster Impuls. Ihm wurde immer durch seine Vorgesetzten signalisiert, dass auf dieser Führungsebene alle Führungskräfte „gleich“ verdienen.

Das Ganze kam mehr oder weniger zufällig heraus, als es darum ging, ein Projekt mit den entsprechenden Personalkosten zu kalkulieren. Dass es sich dabei auch noch um einen Verwandten des Geschäftsführers handelte, spitzte die Situation zu. Da kam Macht, Willkür und Vorteilsnahme zusammen – ganz schwierig für die Gerechtigkeit und vor allem das Gerechtigkeitsempfinden des Klienten.

Wie lässt sich damit umgehen?

Wir konnten im Coaching eine Strategie zum Umgang damit entwickeln, ohne in die tiefen Sphären der Vergangenheit einzutauchen. Dem Klienten wurde deutlich, dass der Aspekt des Vergleichs mit den Kollegen, gepaart mit dem Gefühl eigentlich mehr verdient zu haben, den Vulkan immer wieder zu Eruptionen führte.

Bewusstseinserweiterung durch Coaching

Die im Coaching erzielte Bewusstseinserweiterung ermöglichte dem Klienten das Gespräch mit dem Geschäftsführer zu suchen. Die differenzierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Gerechtigkeits- bzw. Ungerechtigkeitsempfinden erleichterte es, gemeinsam zu einer konstruktiven und zufriedenen Lösung zu kommen.

Wie ist es ausgegangen?

Der Klient berichtete nach dem Gespräch, dass er aufgrund der intensiven Beschäftigung mit seinen eigenen Sichtweisen vom Thema weniger emotional betroffen war. Und was sagt Bierhoff dazu:

„Am glücklichsten sind diejenigen, die das Gefühl haben, sie bekommen, was sie verdient haben.“ Unter dem Strich scheint für Führungskräfte wichtig zu sein, das Thema Gerechtigkeit in seiner Wirkung bei den Mitarbeitenden nicht zu unterschätzen und ich denke, es lohnt auch für Sie werte Leserin und werter Leser die Gedanken noch ein wenig zu vertiefen.

Die Wahrnehmung der Gerechtigkeit von Führungskräften

Dazu bediene ich mich einer Dissertation von Dipl.-Ök. Marcel Feldmann M.A.  „Die Wahrnehmung der Gerechtigkeit von Führungskräften in Arbeitssituationen“ aus dem Jahr 2009. Darin wird beschrieben, dass es seit mehr als drei Jahrzehnten in den USA Studien zur Gerechtigkeit in Verbindung mit dem Thema Führung gibt. In Deutschland ein noch vernachlässigtes Feld.

Feldmann findet in seiner Studie heraus, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Führungsverhalten der Führungskraft und der Wahrnehmung der Mitarbeitenden zum gerechten Verhalten der Führungskraft gibt.

Respekt und Nachvollziehbarkeit im Kontext von Gerechtigkeit…

Die Mitarbeitenden fokussieren dabei unter anderem vor allem auf zwei Aspekte. Den Respekt und die Nachvollziehbarkeit. Der Respekt steht für die interpersonale und prozedurale Gerechtigkeit und die Nachvollziehbarkeit für die informationale Gerechtigkeit. Für beide Dimensionen spielt nach den Ergebnissen das Leitungsgespräch mit den Mitarbeitenden eine zentrale Rolle und hier entwickelt das Verhalten der Führungskraft konkrete Auswirkungen in gewünschter oder wenig gewünschter Hinsicht.

Coaching und Gerechtigkeit…

Coaching und Gerechtigkeit

Wenn Sie sich den Klienten aus meinen kleinen Beispiel vergegenwärtigen: Hier sind beide Dimensionen extrem angegriffen. Der Respekt wird dadurch erschüttert, dass der Klient sich unehrlich behandelt fühlt und dass ihm dazu eine falsche Information (Nachvollziehbarkeit) mitgeteilt wurde. In Annahme, dass sich sein Chef ihm gegenüber korrekt verhält, entfaltet sich daraus weiterer Missmut bzw. potenziert sich. Beide Aspekte wurden im Gespräch mit dem Geschäftsführer zum Thema gemacht. Die gerechte Bezahlung ist das eine, die Wahrnehmung von Respekt und Nachvollziehbarkeit als Dimension von Gerechtigkeit das andere.

Dr. Feldmann dazu: „Menschen empfinden Entscheidungen des Chefs als gerechter, wenn sie in irgend einer Weise beteiligt werden.“ Seine Ergebnisse gehen noch ein Stück weiter. Schon die bloße Möglichkeit zur Beteiligung erzeugt ein Gefühl der Gerechtigkeit, auch wenn es dann vielleicht nicht zu einer Gehaltserhöhung kommt.

Ein Übung zum expressiven Schreiben – auch im Coaching und Gerechtigkeit einsetzbar…

Dr. Feldmann weißt auf einen weiteren Forschungsansatz (vgl. Barclay/Skarlicki 2009) zum Thema Gerechtigkeit hin. Er ist mir nah, geht es doch bei ihm um die Verarbeitung von erlebter Ungerechtigkeit in Unternehmen durch den Einsatz von expressivem Schreiben.

Die Instruktion lautete dazu: „In dieser Sitzung möchte ich Sie bitten, über Ihre Gefühle und Ihre Gedanken zu schreiben, die mit der ungerechten Behandlung an Ihrem Arbeitsplatz verbunden waren. Bitte schreiben Sie über ihre Gefühle und Gedanken, die sie am meisten bewegten (z.B. mit den Formulierungen „Ich fühlte…“, „Ich dachte…“, „Ich glaubte…“). Das von Ihnen Geschriebene wird absolut vertraulich behandelt. Achten Sie nicht auf Ausdruck, Satzbau oder Grammatik. Schreiben Sie einfach über Ihre Gefühle und Gedanken. Bitte schreiben Sie insgesamt 20 Minuten lang.“

Nach den fünf Sitzungen wurde ein Abschlussgespräch zwischen den Trainern und Probanden geführt. Dabei wurde noch einmal über die Auslöser, die Strategien zur Bewältigung und die aktuellen Gefühle über die als ungerecht erlebten Situation reflektiert. Nach jeder Schreibsession füllten die Teilnehmenden einen Fragebogen aus. Die Ergebnisse zeigten, dass sich ihr Ärger reduziert hatte, Vergeltungswünsche in den Hintergrund traten und sie sich insgesamt zufriedener als eine entsprechende Kontrollgruppe fühlten.

Und was sind Ihre Gedanken zu Gerechtigkeit?

Und wie halten Sie es mit der Gerechtigkeit bzw. mit Ihrer erlebten Ungerechtigkeit? Wie verhalten Sie sich als Führungskraft gegenüber Ihren Mitarbeitenden und wie erleben Sie Ihre Mitarbeitenden, wenn es um das Thema Gerechtigkeitsempfinden geht?

Wünschen Sie ein Coaching? Dann können Sie hier Kontakt aufnehmen?

Literaturquellen:

Laurie J. Barclay, Daniel P. Skarlicki (2009). Healing the wounds of organizational injustice: Examining the benefits of expressive writing. Journal of Applied Psychology, 94 (2), 511-523.